Kapitel 9: Die Geschichte vom Wert

Teil II:  Die Wirtschaft der Wiedervereinigung

Jetzt, wo sich sich unsere Reise in die Gefilde der Getrenntheit dem Ende nähert, und wir wieder zu einer Einheit mit der Natur zurückfinden, maßen wir uns auch nicht mehr länger an, vom Geltungsbereich der Naturgesetze ausgenommen zu sein. Jahrzehntelang predigte uns die Umweltbewegung: Auch wir sind den Naturgesetzen unterworfen. Zunehmend und schmerzlich erfahren wir jetzt, wie wahr das ist. Ein Kind nimmt von seiner Mutter glückselig und unbedacht-rücksichtslos, was immer sie an Opfern bringt und erleidet. Ebenso nahmen auch wir während unserer langen Kindheit als Menschheit alles von der Erde. Unser Geldsystem und unsere wirtschaftliche Ideologie waren im Guten wie im Schlechten die Mittel für dieses Nehmen. Nun, wo sich unsere Beziehung zur Erde verändert, wo sie zu unserer Geliebten wird, realisieren wir plötzlich, was für einen Schaden wir anrichten. In einer Partnerschaft kommt auf mich zurück, was ich meiner Partnerin antue. Ihr Schmerz ist mein Schmerz.

Jetzt, wo die Menschheit angesichts der gegenwärtigen Krisen und Übergänge vor ihrer Reifeprüfung steht, entwickelt sich auch ein neues Wirtschaftssystem, das eine Ausdrucksform für die neue Identität der Menschen ist: das Selbst in Verbundenheit, das in einer ko-kreativen Partnerschaft mit der Erde lebt. Unser Wirtschafts- und Geldsystem werden nicht länger Mittel für das Nehmen, für Ausbeutung und die Verherrlichung des Selbst in Getrenntheit sein. Stattdessen werden sie Medien sein für das Schenken, die schöpferische Kraft, das Dienen und für die Fülle. Die folgenden Kapitel beschreiben die Grundbausteine dieser heiligen Ökonomie. Sie alle sind schon da, schlafen innerhalb der alten Strukturen, und entstehen sogar aus ihnen heraus. Denn das ist keine Revolution im klassischen Sinn, keine Tilgung. Das Alte wird nicht ausgelöscht. Es ist eher eine Metamorphose. Das Zeitalter der Wiedervereinigung schlummerte schon lange in den Institutionen der Getrenntheit. Heute beginnt es, sich zu regen.

Kapitel 9 Die Geschichte vom Wert

Es war eine alte Geschichte, die nicht mehr stimmte. Wahrheit kann aus Geschichten verschwinden, wie du weißt. Was einmal wahr war, wird bedeutungslos, gar eine Lüge, weil die Wahrheit in eine andere Geschichte übergegangen ist. Das Wasser der Quelle sprudelt jetzt an einem anderen Ort.
(Ursula K. LeGuin)

Geld ist untrennbar mit den Geschichten verwoben, die unsere Zivilisation definieren: den Geschichten vom Selbst und von der Menschheit allgemein. Es ist wesentlicher Bestandteil der Ideologie und der Funktionsweise des Wachstums, des “Aufstiegs der Menschheit” zur Alleinherrschaft über den Planeten. Es spielte auch eine wesentliche Rolle bei der Auflösung unserer Bande zu Natur und zur Gemeinschaft. All diese Geschichten zerfallen jetzt, und weil auch deren geldliche Dimension schnell zerfällt, haben wir die Chance, dem Geld ganz bewusst die Eigenschaften der neuen Geschichten zu verleihen, die die alten ersetzen werden: das Selbst in Verbundenheit, das Leben in einer ko-kreativen Partnerschaft mit der Erde. Aber wie bettet man das Geld in eine neue Geschichte ein?

In seiner mehrtausendjährigen Geschichte durchlief das Geld in seiner Form eine sich beschleunigende Evolution. Das erste Stadium war das Warengeld – Getreide, Öl, Vieh, Metall und viele andere Dinge. Es diente als Tauschmittel, ohne einen abstrakten Wert zu besitzen. Diese Phase dauerte mehrere Jahrtausende. Der nächste Entwicklungsschritt war die Münzprägung, durch die das Geld zusätzlich zum Materialwert des Metalls (Silber und Gold) auch einen abstrakten Wert bekam. Geld setzte sich ab dann aus zwei Komponenten zusammen: einem materiellen und einem symbolischen Wert. Es war ganz natürlich, dass sich schließlich der symbolische Wert vom Metall trennte, und das geschah mit dem Aufkommen von Kreditgeld im Mittelalter und mancherorts sogar schon früher. In China war das erste Papiergeld im 9. Jh. im Umlauf (es waren eigentlich so etwas wie Bankwechsel) und gelangte sogar bis nach Persien.1 In der arabischen Welt war zu dieser Zeit auch eine Form von Schecks verbreitet. Italienische Kaufleute verwendeten ab dem 12. Jh. Wechsel, eine Praxis, die sich rasch verbreitete und im 16. und 17. Jh. vom Mindestreserve-Banksystem abgelöst wurde.2 Das war eine wichtige Innovation, weil die Geldmenge von den Edelmetallvorräten entkoppelt wurde, was ihr ein organisches Wachstum entsprechend der wirtschaftlichen Aktivität erlaubte. Die Ablösung des Geldes vom Metall erfolgte schrittweise. In der Zeit des Mindestreserve-Bankwesens, das mehrere Jahrhunderte währte, waren Banknoten zumindest theoretisch immer noch durch Edelmetall gedeckt. Heute ist die Zeit des Mindestreserve-Bankwesens vorbei, und das Geld ist zum reinen Kredit geworden. Das ist nicht sehr vielen bekannt. Die meisten Autoritäten, darunter auch Lehrbücher und die Federal Reserve selbst,3 erhalten immer noch den Anschein aufrecht, dass die Rücklagen ein limitierender Faktor in der Geldschöpfung wären, aber in der Praxis sind sie das fast nie.4

Die tatsächlichen Beschränkungen für die Banken bei der Geldschöpfung sind ihr Gesamtkapital und ihr Geschick, bereitwillige kreditwürdige Schuldner zu finden – also jene, die entweder über ein nicht zweckgebundenes Einkommenspotential oder über Vermögenswerte als Kreditsicherheiten verfügen. Mit anderen Worten lenken soziale Übereinkünfte die Geldschöpfung. Maßgeblich ist die durch Zinsen verkörperte Forderung, dass Geld zu jenen fließen soll, die in Zukunft mehr Geld daraus machen. Das heutige Geld ist durch Wachstum gedeckt, wie ich darlegen werde. Wenn sich wie jetzt das Wachstum verlangsamt, beginnt das gesamte Finanzgebäude einzustürzen.

Das Geld hat ähnliche Schwachstellen wie die Technologie, zu der es sich parallel entwickelte. Beide beruhen auf einem ständigen Wachstumszwang: die Technologie, weil sie auf dem Glauben fußt, dass für jedes Problem eine technische Lösung gefunden werden kann – auch für die Probleme, die erst durch Technologie entstanden sind5; das Geld wegen der Zinsdynamik, die ich beschrieben habe: Es werden mehr Schulden gemacht, damit die Zinsen auf bestehende Schulden bezahlt werden können. Die Parallelen sind offensichtlich. Eine weitere Ähnlichkeit ist, dass sich sowohl das Geld als auch die Technologie auf Bereiche ausweiteten, für die eigentlich andere Formen von Beziehungen gelten. Keinesfalls rate ich aber, das Rad der Zeit zurückzudrehen. Sowohl die Technologie als auch das Geld haben sich, wie ich glaube, aus einem bestimmten Grund bis zu ihrer heutigen Form entwickelt; das Buchgeld ist der natürliche Endpunkt der Entwicklung vom Geld hin zum rein abstrakten Wert, zur reinen Übereinkunft. An diesem Punkt steht es uns frei, dieser Übereinkunft einen Sinn zu geben. Wir sind wie ein Jugendlicher, der seine körperlichen und geistigen Fähigkeiten während seiner Kindheit spielerisch geübt hat und nun bereit ist, diese Fähigkeiten ihrer wahren Bestimmung zu widmen.

Wenn sie die desaströsen Konsequenzen der heutigen kreditbasierten Währungen sehen, raten manche Beobachter, doch zu den guten alten Zeiten zurückzukehren, in denen Währungen durch etwas Greifbares, beispielsweise Gold, gedeckt waren. Sie argumentieren, dass eine durch Rohstoffe gedeckte Währung nicht inflationär wäre, und es dann keinen Zwang für endloses Wachstum gäbe. Ich denke, dass manche dieser Befürworter einer “harten Währung” oder “echten Geldes” sich den primitiven Wunsch nach der Rückkehr in einfachere Zeiten, als die Dinge noch das waren, was sie zu sein schienen, zunutze machen. Sie teilen die Welt in zwei Kategorien, das objektiv Wirkliche und das auf Übereinkünften Beruhende, und glauben, dass das Kreditgeld eine Täuschung, eine Lüge sei, die unvermeidlich in jeder Rezession zusammenbrechen müsse. In Wahrheit ist diese Dichotomie selbst eine Illusion, ein Konstrukt, das – wie zum Beispiel auch die Doktrin von der Objektivität in der Physik – tiefere Mythologien widerspiegelt, welche in unserer Zeit genauso am Zusammenbrechen sind.

Der Unterschied zwischen einer ungedeckten und einer gedeckten Währung ist nicht so groß, wie man meinen möchte. Auf den ersten Blick scheinen sie sehr verschieden: Eine gedeckte Währung bezieht ihren Wert aus etwas Realem, während eine ungedeckte Währung nur einen Wert hat, weil Menschen sich darauf geeinigt haben, dass sie einen Wert besitzt. Diese Unterscheidung ist falsch: In beiden Fällen ist das, was dem Geld letztlich seinen Wert verleiht, die Geschichte rund um das Geld: eine Reihe sozialer, kultureller und gesetzlicher Konventionen.

An dieser Stelle mag eine Befürworterin von “Echtgeld” oder einer gedeckten Währung einwerfen: “Nein, genau das ist der Punkt: Der Wert einer gedeckten Währung liegt ja gerade im zugrundeliegenden Edelmetall und nicht in Übereinkünften.”

Falsch!

Betrachten wir zunächst das Standardbeispiel für “Echtgeld”: pure Gold- und Silbermünzen. Diese sind wertvoll, sagt man, weil der Rohstoff, aus dem sie gemacht sind, wertvoll ist. Er ist die Quelle ihres Wertes, und die Prägungen garantieren für Gewicht und Reinheit. Aber trotz der Nostalgie für das echte Geld von früher traf historisch gesehen diese Beschreibung auf viele Gold- und Silbermünzen gar nicht zu, weil sie einen Wert hatten, der ihren Warenwert überstieg (siehe Kapitel 3). Sie unterscheiden sich nur graduell vom Papiergeld, aber nicht substantiell. Papiergeld und elektronisches Geld sind keine Abkehr von Münzen, sondern eine Erweiterung dieser Art von Währung.

Um die Sache noch komplizierter zu machen: Was ist dieser “Warenwert”? Wie Geld ist auch Eigentum ein soziales Konstrukt. Was heißt es, etwas zu besitzen? Materieller Besitz ist nur dann Eigentum, wenn er als solches gesellschaftlich anerkannt ist. Ist er aber anerkannt, dann muss man über das Eigentum nicht einmal mehr physisch verfügen. Schließlich kommen die Investoren auf den heutigen Warenmärkten nie in Berührung mit den Dingen, die sie kaufen. Ihre Transaktionen sind eine Reihe von Ritualen, symbolischen Manipulationen, deren Macht aus dem gemainsamen Glauben an sie erwächst. Die fiktive Natur von Eigentum ist kein neues Phänomen. Das berühmte Geld der Inselbewohner von Yap (riesige Steinringe, die zu schwer waren, um sie zu bewegen) konnte dennoch ganz einfach seinen Besitzer wechseln, wenn alle zustimmten, dass Soundso der neue Besitzer war. Das Gold muss den Tresor nie verlassen, um die Währung zu decken. Es muss in Wahrheit nicht einmal den Boden verlassen. Selbst wenn wir uns jetzt auf einen Goldstandard einigten, würden die meisten Transaktionen immer noch mittels Papier oder digitaler Symbole ablaufen. Nur die Geschichte, die diesen Symbolen ihren Wert zuschreibt, wäre eine andere.

Auch der Wert von Rohstoffen ist von sozialen Übereinkünften abhängig. Das stimmt vor allem für das Gold, das – anders als andere Formen von echtem Warengeld wie Vieh oder Kamele – einen sehr niedrigen Gebrauchswert hat. Man kann damit schönen Schmuck machen, aber es hat einen geringen industriellen Nutzen verglichen mit anderen Edelmetallen wie Silber oder Platin. Das bedeutet, dass der Wert von Gold auf einer Übereinkunft beruht. Und das lässt gerade Gold als seltsame Wahl derer erscheinen, die Geld mit einem „echten Wert“ wollen, der nicht auf Übereinkünften beruht.

Was für Gold gilt, gilt auch für andere Waren. In Gesellschaften mit einem hohen Grad an Arbeitsteilung, wie der unseren, beruht der Nutzen der meisten Waren wie auch des Geldes auf einem Geflecht aus sozialen Übereinkünften. Wie nützlich ist für Sie ein Eisenbarren? Ein Barrel Rohöl? Eine Tonne Natriumhydroxid in Industriequalität? Ein Scheffel Sojabohnen? Sie sind in verschiedenem Ausmaß nur in einem Zusammenhang wertvoll, in dem eine große Zahl an Menschen die spezifischen, aufeinander bezogenen Rollen spielen, durch die solche Dinge erst ihre Nützlichkeit entfalten. Mit anderen Worten haben Waren genauso wie Geld zusätzlich zu ihrem intrinsischen Wert auch einen treuhänderischen, abstrakten Wert. Doch bei genauer Betrachtung hält sogar diese Unterscheidung nicht stand.

Was bedeutet es eigentlich, dass Geld gedeckt ist? Oberflächlich betrachtet ist das ganz einfach. Am Beispiel des U.S. Dollars vor 1972 bedeutete es zum Beispiel: “Du kannst einen Dollar nehmen und für ein Dreizehntel (oder was immer es war) einer Unze Gold einlösen.” Aber dieses einfache Bild steckt voller Komplikationen. Selbst wenn es erlaubt gewesen wäre, war es für die meisten Benutzer von Dollars in der Praxis nicht möglich, den nächstbesten Tresorraum der Federal Reserve aufzusuchen. Soweit ich weiß, wurde das Gold fast nie wirklich transportiert, nicht einmal für die Ausgleichszahlungen zwischen den Banken. Das Gold der Banken wurde bei der Federal Reserve gelagert; der Goldbesitz der Banken beschränkte sich auf die Aufzeichnungen in den Büchern der Federal Reserve, ohne dass sie das Gold physisch besessen hätten. Das System hätte funktioniert, selbst wenn materiell gar kein Gold vorhanden gewesen wäre. Außer den ausländischen Banken tauschte keiner jemals wirklich Dollars für Gold. Warum sollte das auch jemand tun, wenn Dollars und nicht Gold als Geld verwendet wurden? Wir denken, dass Dollars (zur Zeit des Goldstandards) wertvoll waren, weil sie für Gold getauscht werden konnten. Aber ist nicht vielleicht das Gegenteil richtiger, dass Gold wertvoll war, weil es in Dollars umgetauscht werden konnte?

Wir gehen davon aus, dass in einem System mit gedecktem Papier- oder elektronischem Geld die Deckung das eigentliche Geld, und das Papier nur eine Repräsentation davon sei. Tatsächlich aber ist das Papier das eigentlich echte Geld. Seine Verbindung zu Gold war eine Bedeutungszuschreibung, fast eine magische Formel, die uns erlaubte, an die Geschichte vom Wert zu glauben. Die Geschichte schafft den Wert. In Wirklichkeit war es nie für alle möglich, ihr Papiergeld in Gold umzutauschen. Würden das zu viele Menschen versuchen, könnte die Zentralbank einfach erklären, dass sie das Geld nicht zurücknimmt (was sie früher auch getan hat).6 Die angebliche Tatsache, dass man Papier in X Gramm Gold umtauschen kann, ist ein Konstrukt, eine zweckdienliche Fiktion, die auf einem Geflecht gesellschaftlicher Übereinkünfte und gemeinsamer Sichtweisen beruht.

Entsprechend waren, bevor die Vereinigten Staaten das Abkommen von Bretton-Woods in den frühen 1970er Jahren für ungültig erklärten, die Weltwährungen an den US-Dollar, und der wiederum an Gold gebunden. Wenn ein Land Dollar-Reserven angehäuft hatte, konnte es sie einlösen, und die Federal Reserve lieferte dafür ein paar Tonnen Gold. Nach dem zweiten Weltkrieg war das kein großes Problem, doch in den späten 1960er Jahren waren dann nahezu alle U.S.-Goldreserven nach Übersee verschifft worden, wodurch die Fed vom Bankrott bedroht war. Also verkündeten die Vereinigten Staaten einfach, dass sie innerhalb des internationalen Bankensystems nicht länger Dollars gegen Gold einlösen würden, so wie innerhalb der USA schon 40 Jahre früher, womit sich der Goldstandard als bequeme Fiktion entpuppte.

Die Erklärung, dass Geld gedeckt sei, unterscheidet sich wenig von einer rituellen Beschwörung. Beide beziehen ihre Kraft aus dem kollektiven Glauben der Menschen. So sehr das für Gold stimmte, trifft es noch mehr bei neueren Vorschlägen für noch ausgeklügeltere Modelle für gedeckte Währungen zu, zum Beispiel für die Terra-Währung von Bernard Lietaer und neueste Vorschläge für verbesserte IWF Sonderziehungsrechte, die durch einen Warenkorb gedeckt sein sollen, der die wirtschaftliche Aktivität insgesamt repräsentiert. Dieser Ansatz hat seine Vorzüge. Er ist sogar ein Schritt in die Richtung, die ich in diesem Buch skizziere. Aber diese Deckung ist offensichtlich nur Theorie: Niemand wird jemals seine Terras einlösen können und dafür eine Lieferung mit dem vorgeschriebenen Warenkorb aus Öl, Getreide, Emissionszertifikaten, Schweinebäuchen, Eisenbarren, und was sonst noch so auf der Liste steht, vor die Haustüre geliefert bekommen. Kein Mensch braucht diese Dinge für seinen persönlichen Gebrauch. Sie haben einen kollektiven Wert, der nur in einem weitläufigen Netz aus wirtschaftlichen Beziehungen existiert. Aber das ist gut so! Eine Wärung muss gar nicht tatsächlich, praktisch einlösbar sein, um als gedeckt zu gelten. Ja, die Einlösbarkeit ist fiktiv, ist eine Geschichte, aber Geschichten haben Macht. Alles Geld ist Teil einer Geschichte. Wir haben keine andere Wahl, wir müssen das Geld in eine Reihe von Erzählungen einbetten. Nichts von dem, was ich geschrieben habe, disqualifiziert gedeckte Währungen. Aber wenn wir uns für eine gedeckte Währung entscheiden, sollten wir uns über die Gründe dafür im Klaren sein. Es geht nicht darum, das Geld auf eine Art und Weise “echt” zu machen, wie es ungedeckte Währungen nicht sind. Es geht darum, das Geld in die Geschichte vom Wert einzubetten, die wir erzählen wollen.

Die Geschichte von der Deckung kann dazu dienen, die Geldschöpfung zu beschränken und zu lenken. Heute beschränken wir dieses Recht auf die Banken und lenken die Geldschöpfung über das Profitmotiv – Geld geht an jene, die aus Geld mehr Geld machen. Korrekt und historisch gesehen ist die Emission von Geld eine besondere, heilige Aufgabe, die nicht leichtfertig abgetreten wird. Geld hat die magische Kraft des Symbols und ist der materielle Ausdruck der Übereinkunft einer ganzen Gesellschaft. Ein Teil der Seele dieser Gesellschaft lebt in ihm, und die Macht, es zu erschaffen, sollte so sorgfältig gehütet werden, wie ein Schamane über seinen Medizinbeutel wacht. In den falschen Händen kann seine Macht dazu verwendet werden, Menschen zu versklaven. Können wir abstreiten, dass das heute passiert ist? Können wir leugnen, dass Menschen und ganze Nationen zu Leibeigenen der Geldverleiher geworden sind?

Wir assoziieren Geld nicht nur ganz selbstverständlich mit dem Heiligen, sondern umgekehrt tendiert, was immer wir als Geld verwenden dazu, heilig zu werden: “Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.” (Matthäus 6:21). So kam es, dass Menschen Gold vergötterten. Natürlich hätte das keiner zugegeben, aber Taten sagen mehr als Worte: Auf das Gold waren sie versessen, für das Gold opferten sie, dem Gold huldigten sie. Das Gold statteten sie mit einer übernatürlichen Macht aus, und verliehen ihm den Status von etwas Heiligem. Dasselbe geschah mit Vieh in Kulturen, die mit Vieh handelten, oder mit Weizen oder Olivenöl in Kulturen, in welchen diese als Warengeld benutzt wurden. Sie nahmen einen heiligen Status ein und unterschieden sich von den anderen Waren.

Die letzten hundert Jahre waren zunehmend eine Zeit des ungedeckten Geldes und eine Ära, in der nichts heilig ist. Wie ich in der Einleitung schrieb, wenn heute irgendetwas heilig ist, dann ist es das Geld selbst. Denn das Geld hat jene Eigenschaften, die wir mit der körperlosen dualistischen Gottheit verbinden: Allgegenwart, Abstraktheit, Immaterialität – und trotzdem die Fähigkeit, materielle Abläufe zu beeinflussen, zu schaffen oder zu zerstören. Allem Materiellen komplett die Göttlichkeit abzusprechen, bedeutet wiederum, nichts für heilig zu halten – nichts Reales, nichts Greifbares. Aber die Abwesenheit des Heiligen ist eine Illusion: Wie viele feststellten, ist die Wissenschaft zur neuen Religion geworden. Ihre Erzählung von der Entstehung des Weltalls, ihre geheimnisvollen Erklärungen, wie die Welt funktioniert, formuliert in einer undurchsichtigen Sprache, mit ihren Priestern und deren Exegeten, ihrer Hierarchie, ihren Initiationsritualen (der Verteidigung der Dissertation zum Beispiel), ihrem Wertesystem und vielem mehr. Genauso ist es eine Illusion zu glauben, dass das Geld nicht gedeckt ist. Kreditgeld ist (über ein andere Form von sozialer Übefreinkunft als explizit gedeckte Währungen, aber trotzdem über eine Übereinkunft) durch die Gesamtheit der Waren und Leistungen in einer Wirtschaft und letztlich durch das Wachstum gedeckt.7 Es entsteht als verzinste Schuld, und sein Wert hängt von der unablässigen Ausweitung des Waren- und Dienstleistungssektors ab. Was immer Geld deckt wird heilig, und dementsprechend hat das Wachstum über viele Jahrhunderte hinweg den Status des Heiligen eingenommen. In den verschiedenen Erscheinungsformen der Geschichte vom Aufstieg (dem Fortschritt, der Nutzbarmachung von Naturgewalten, dem Überschreiten von Grenzen, der Beherrschung der Natur) führten wir einen Kreuzzug, um fruchtbar zu sein und uns zu mehren. Aber nicht länger ist Wachstum für uns heilig.

Dieses Buch wird einen konkreten Weg beschreiben, wie Geld mit den Dingen gedeckt werden kann, die für uns heute heilig werden. Und welche sind das? Wir können sie anhand der altruistischen Bemühungen von Menschen erkennen, die sie erschaffen und bewahren. Das Geld der Zukunft wird durch Dinge gedeckt sein, die wir nähren, erschaffen und bewahren wollen: durch unberührtes Land, sauberes Wasser, reine Luft, großartige Kunstwerke und Architektur, ungenutzte Emissionszertifikate, nicht eingeforderte Lizenzgebühren für Patente, Beziehungen, die nicht in Dienstleistungen umgewandelt wurden, und natürliche Rohstoffe, die nicht in Waren umgewandelt wurden; ja sogar durch Gold, das noch im Boden lagert.

Der Zusammenhang mit Geld (und daher mit abstraktem “Wert”) erhebt ein Ding nicht nur in den Status des Heiligen, er spornt uns auch an, immer mehr davon zu erzeugen. Der Zusammenhang von Gold und Geld veranlasst den unausgesetzten (und sehr umweltschädlichen) Abbau von Gold in Minen. Löcher in den Boden zu graben und sie wieder aufzufüllen ist der Inbegriff von verschwendeter Arbeitskraft – aber ist Goldschürfen etwas anderes? Mit enormem Aufwand graben wir Gold aus dem Boden, transportieren es, veredeln es, und am Schluss tun wir es in andere Löcher im Boden, die man Tresore nennt. Dieser Aufwand und die Knappheit von Gold sind eine (sehr willkürliche) Möglichkeit, die Geldmenge zu regulieren, aber warum regulieren wir sie nicht durch zweckgerichtete gesellschaftliche und politische Übereinkünfte oder durch einen eher organischen Prozess und sparen uns das ganze Löchergraben?

Das oben erwähnte Problem mit dem Gold erstreckt sich auch auf andere Waren. Wo Vieh als Geld dient, nimmt Vieh einen Wert an, der jenen von Milch und Fleisch übersteigt. Die Folge ist, dass Menschen viel größere Herden halten, als sie wirklich brauchen. Wie beim Goldschürfen wird auch dadurch menschliche Arbeitskraft vergeudet und die Umwelt belastet. Wenn es Öl ist, dann wird ein Anreiz geschaffen, mehr Öl zu fördern: die Menge, die für Kraftstoff benötigt wird, und darüber hinaus eine bestimmte Menge für das Geld. Verallgemeinert lautet das Prinzip: Verwendet man etwas als Geld, so wird sich dieses Ding vermehren.

Von diesem Prinzip ausgehend wird in Kapitel 11 ein Geldsystem entworfen, das all das vermehrt, über dessen Nutzen für die Menschheit und den Planeten wir uns einig sind. Was, wenn Geld durch sauberes Wasser, unverschmutzte Luft, gesunde Ökosysteme und kulturelle Commons “gedeckt” wäre? Gibt es eine Möglichkeit, anzuregen, dass auch von diesen Dingen mehr geschaffen wird, genauso wie die gesellschaftliche Übereinkunft über den Wert des Goldes uns dazu treibt, mehr und mehr Gold zu schürfen? Wie die Monetarisierung von Gold dazu führt, dass wir auf Gold versessen sind, mehr davon haben wollen, und es nur eintauschen, um ein wirkliches, dringendes Bedürfnis zu erfüllen, so könnte die Verwendung der oben genannten Werte zur Deckung von Geld uns dazu bringen, mehr davon zu erzeugen, einen schöneren Planeten zu erschaffen, und sie nur aus wohlüberlegtem Grund zu opfern, nur um ein echtes Bedürfnis zu stillen, und nur um etwas hervorzubringen, das ebenso wertvoll ist wie das, was zerstört wurde. Wir zerstören heute Vieles um des Geldes willen, aber wir zerstören nicht aus freien Stücken Geld an sich. Und so soll es dann auch sein.

Die Frage nach der Deckung der Währung führt uns zu einer allgemeineren, wichtigeren Frage: Wer soll das Geld machen und auf welche Art? Welche Grenzen sollte die Geldschöpfung haben? Was sind die Übereinkünfte, die das Geld verkörpert? Allgemeiner: In welche Geschichte vom Wert betten wir dieses Geld ein?

Seit dem antiken Griechenland war Geld immer Ausdruck einer Übereinkunft. Gewöhnlich war die Übereinkunft allerdings eine unbewusste. Die Menschen glaubten, dass Gold wertvoll sei, und dachten selten darüber nach, dass dieser Wert auf einem Brauch beruht. Das Fiat-Papiergeld später war offensichtlich eine Übereinkunft, aber so weit ich weiß, versuchte nie jemand, diesem Geld einen zusätzlichen sozialen Nutzen zu verleihen, der über seine Funktion als Tauschmittel hinaus geht. Nie wurde gefragt: “Was für eine Geschichte über die Welt erzählen wir hier, und welche Art von Geld wird diese Geschichte ausdrücken und verstärken?” Niemand beschloss ein Mindestreservesystem zu schaffen mit der bewussten Absicht, die Machtdomäne der Menschen auszuweiten. Heute haben wir zum ersten Mal die Gelegenheit, die Wahl unseres Geldsystems relativ bewusst zu treffen. Es ist Zeit, dass wir uns fragen, welche kollektive Geschichte wir auf dieser Erde inszenieren wollen, und welches Geldsystem zu dieser Geschichte passt.

Im Rest dieses Buches werde ich in groben Strichen ein Geldsystem skizzieren, das die neue Beziehung der Menschheit zu sich selbst und zur Erde repräsentiert, ein Geldsystem, das die Dinge widerspiegelt und nährt, die für uns jetzt heilig werden. Ich werde auch Ideen für einen Übergang von hier nach dort anbieten, sowohl auf kollektiver als auch auf individueller Ebene. Diese heilige Ökonomie wird folgende Eigenschaften besitzen:

Sie wird die Geisteshaltung des Schenkens in unseren Beruf(ung)en und im Wirtschaftsleben wiederherstellen.

Sie wird die durch das Geld verursachte Vereinheitlichung und Entfremdung in der Gesellschaft rückgängig machen.

Sie wird ein erweiterter Teil des Ökosystems, keine Verletzung desselben sein.

Sie wird regionale Wirtschaftskreisläufe fördern und die Gemeinschaft wiederbeleben.

Sie wird zur Initiative ermutigen und den Unternehmergeist belohnen.

Sie wird mit Nullwachstum vereinbar sein und trotzdem die Entfaltung unserer einzigartigen menschlichen Fähigkeiten unterstützen.

Sie wird eine gerechte Verteilung des Wohlstands begünstigen.

Sie wird einen neuen Materialismus fördern, der die Welt als heilig behandelt.

Sie wird politisch auf das Gleichheitsprinzip ausgerichtet sein, die Macht der Menschen stärken und nicht zu mehr zentralisierter Kontrolle führen.

Sie wird die verlorenen Bereiche des natürlichen, sozialen, kulturellen und spirituellen Kapitals wiederherstellen.

Und vor allem ist sie etwas, mit dem wir sofort beginnen können!

In den nächsten paar Kapiteln werde ich verschiedene Themen der neuen Geschichte vom Wert darstellen und zusammenfügen, die ein neues Geldsystem definieren. Weben wir sie anschließend zusammen, so wird das Bild einer Wirtschaft entstehen, die sich sehr von allem unterscheidet, was wir heute kennen.

1 Robert Temple: The Genius of China: 3,000 Years of Science, Discovery, and Invention. Rochester, VT: Inner Traditions, 1998. Seiten 117 und 119.

2 Paul Vallely: “How Islamic Inventors Changed the World.” The Independent, 11. März 2006.

3 Siehe zum Beispiel die Veröffentlichung der Federal Reserve “Modern Money Mechanics”, die überall im Internet zu finden ist. (Das ist allerdings nicht der Fall im von der Deutschen Bundesbank herausgegebenen Schülerbuch „Geld und Geldpolitik“, in dem wörtlich zu lesen steht, dass Papier- und Buchgeld „aus dem Nichts“ geschöpft wird, und dass es eine Schlüsselaufgabe der Zentralbanken ist, für die Knappheit des Geldes zu sorgen, weil darauf sein Wert beruht. Anm. d. Ü.)

4Wenn die Bargeldreserven einer Bank zu niedrig sind, um den Erfordernissen zu entsprechen, borgt sie sich einfach das nötige Bargeld von der Zentralbank oder auf den Geldmärkten. Gibt es eine systemweite Knappheit an Rücklagen, so weitet die Zentralbank die Geldmenge durch Offenmarktgeschäfte aus. Deswegen hinkt das Wachstum von M0 typischerweise viele Monate jenem von M1 und M2 hinterher – das Gegenteil dessen, was man von einem Multiplikatoreneffekt erwarten würde, wenn wir in einem Mindestreservesystem lebten (siehe Steven Keen: “The Roving Cavaliers of Credit”, Debtwatch, 31. Januar 2009). Darum hat auch die jüngste “quantitative Lockerung” durch die Fed und andere Zentralbanken wenig dazu beigetragen, die Geldmenge zu vergrößern.

5 engl:. „technological fix“, siehe dazu auch Kapitel „Kontrollsucht“ in Die Renaissance der Menschheit, Anm. d.Ü.

6 Das passierte tatsächlich schon oft. Während der Großen Depression war das in fast jedem Land der Fall. Geldbesitzer verlangten von den Banken und letztlich von den Zentralbanken Gold, und diese sagten schlussendlich nein. In den 1930ern in den Vereinigten Staaten wurde es aufgrund der Verfügung 6102 des Präsidenten Roosevelt sogar illegal, mehr als kleine Mengen an Gold zu besitzen. Aber die Dollars, deren Wert angeblich auf Gold basierte, wurden nicht wertlos.

7 Man kann es auch so sehen: Ein Bankkredit ist durch die Kreditsicherheit gedeckt, oder im Fall von ungedeckten Krediten durch die zukünftigen kein Gold Einkünfte des Schuldners. In der ganzen Wirtschaft ist also die Gesamtsumme allen Kreditgeldes durch die Gesamtsumme aller bestehenden und zukünftigen Güter und Leistungen in der Wirtschaft, und damit durch das Versprechen von Wachstum gedeckt. Anders betrachtet wird ohne Wachstum die Zahlungsausfallrate steigen und die Geldmenge schrumpfen.

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